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Vergewaltigung durch Klienten

Sozpäd

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27 Aug. 2018
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5
#1
Hallo liebe Leidensgenossen,

ich habe, wie viele von euch, ein schlimmes Trauma im Rahmen der beruflichen Tätigkeit erleiden müssen. Um genau zu sein wurde ich als Sozialpädagogin in einem Flüchtlingsheim von einem Bewohner vergewaltigt. Es ist sehr viel Mist seitens des Arbeitgebers gelaufen...das würde hier den Rahmen sprengen.

Mein Anliegen ist folgendes: ich möchte so sehr wieder voll erwerbsfähig werden und einer Vollzeitbeschäftigung in meinem Beruf nachgehen. Leider ist die PTBS sehr stark ausgeprägt....hinzu kommt eine daraus resultierende Essstörung und psychosomatische Schmerzen. Kurz gesagt, habe ich Angst in den nächtsne Jahren nicht mehr Vollzeit arbeiten zu können. Wie sieht es mit der Verletztenrente aus? Ist eine PTBS immer 20%?
Mit der Rente könnte ich ja vielleicht auf Teilzeit gehen und wäre abgesicherter....

Bin etwas verzweifelt...

Danke für jede Anregung
 

Kasandra

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#2
Hallo Sozpäd,

mein persönliches Mitgefühl jetzt hier und jetzt auszudrücken ist sehr schwer!

Das Du uns gefunden hast, somit unterstelle ich, dass Du versichert bist über deine Unfallkasse oder BG!

Die Fragen: befindest Du Dich in einer guten Traumatherapie?

Wie kommst Du darauf, dass eine PTBS "nur" 20% MdE bringt?

Sorry, dass ich jetzt auf Fakten eingehe, aber wo warst Du bereits bei Gutachten? Was genau wurdeDir bescheinigt?
Hattest Du die Gutachterauswahl?
Hast Du Deinen Traumatherapeuten von der allg. Schweigepflicht entbunden?
Was hat Dein Traumatherapeut geschrieben?
Liegt Dir das BG Gutachten vor?

Bist Du jetzt noch AU oder von Deinem Arbeitgeber / Dienstherren anders weitig eingesetzt?

Viele Grüße

Kasandra
 

Sozpäd

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#3
Liebe Kasandra,

danke für deine Antwort!

Der AG hat den Vorfall verharmlost und ihn nicht gemeldet. Erst nach dem Gerichtsverfahren, als ich traumabedingt (bin weiterhin zur Arbeit gegangen) 30 kg wog, wurde der Vorfall der BG gemeldet. Die haben es sehr ernst genommen und mir eine Reha angeboten.

Im Moment absolviere ich meinen 2. Reha-Aufenthalt.

Ich war noch bei keinem Gutachter, aber die 20% stehen erstmal im Raum. Da ich seit der Vergewaltigung so gut wie nicht alltagsfähig bin und die Symptome sehr gravierend sind, erscheint es mir wenig. Hinzu kommt, dass ich Berufsanfängerin bin. Es war mein erster Job nach dem Studium. Wie berechnet sich die Rente bei Berufsanfängern?
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:

Kasandra

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#4
Hallo Sozpäd,

nun schlucke ich aber mal! Dein Trauma scheint schon länger zurück zu liegen! Denn wenn Du die 2. Reha hast und noch keinen GA gesehen hast.

Das Dein AG die Vergewaltigung nicht angezeigt hat, zeigt schon den Charakter des Arbeitgebers!
Aber immerhin gab es schon eine Verhandlung! Gehe ich recht in der Annahme das es sich um den Zivilprozess von Dir gegen den Schädiger handelte?

Wie ist das Urteil ausgefallen?

Natürlich bist auch Du nun dran.
Dauert eine Schädigung über 26 Wochen an - das wird ja nun bei Dir auch der Fall sein, muss eine Überprüfung der MdE durch die BG erfolgen!

Die MdE wird wie folgt bemessen: 2/3 vom Jahresarbeitsverdienst bezogen auf die Höhe der MdE.
Dies kannst Du Dir selber ausrechnen.
Natürlich erfolgen zur Bestimmung Gutachten!

Für die GA ist sehr wichtig der § 200, SGB VII.

Dann könnte ggf. der § 90 in Bezug auf das JAV (Jahresarbeitsverdienst) ursächlich sein! Das kann man aber so aus der Ferne nicht sagen zu Deinem Fall und aktuellen Status.

Hast Du bereits bei Deiner BG Akteneinsicht beantragt und alles korrekt durchnummeriert vorliegen?

Hast Du Unterstützung Durch einen RA?

Bist Du aktuell noch AU?

Oder arbeitest Du in einem anderen Bereich?

Viele Grüße

Kasandra
 

Sozpäd

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#5
Liebe Kasandra,

am Tag der Tat war ich so schockiert und außer Stande alles zu schildern, dass die Vorgesetzten nicht adäquat reagiert haben. Die Tat wurde kaum dokumentiert und es wurden keine Hilfsmaßnahmen (Arzt, Polizei, BG) eingeschaltet. Ich habe ihn am Tag darauf selber angezeigt.

Er bekam 2 Jahre Gefängnis auf 3 Jahren Bewährung.

Ich habe bis zur Hauptverhandlung gearbeitet, weil ich Angst um meinen Arbeitsplatz hatte. Der AG hat meinen befristeten Vertrag wie gedacht nicht verlängert. Insgesamt bin ich jetzt 5 Monate krank geschrieben.

Ich habe 3 Monate dort gearbeitet, als es passiert ist Das JAV wäre also minimal. Gibt es da eine Regelung, nach der man so tut, als hätte ich ein jahr lang dort gearbeitet?

Ich habe bereits einen Vorschuss der Verletztenrente erhalten.

Ich bin einfach verzweifelt...ich möchte so sehr wieder arbeiten...aber ich werde es so schnell nicht mehr können. Das schlimmste im Moment ist für mich die Reizüberflutung, wenn ich unter vielen Menschen bin. Alle Tätigkeiten mit Gruppen fallen somit aus. =(
 

Meli

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#6
Hat dir denn keiner gesagt, dass du Recht auf Opferentschädigung hast? Diese kannst du beantragen und mit dem Gerichtsverfahren im Hintergrund sollte das recht schnell gehen. Die 20% bei PTBS sind nicht in Stein gemeißelt, es kommt darauf an, wie schwer du eingeschränkt bist. Es tut mir sehr leid, was dir widerfahren ist.

Alles Gute!
Meli
 

Rudinchen

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2,074
#9
Hallo Sozpäd,

ich bin erschüttert, wie das alles bei dir gelaufen ist. Bist du noch nicht bei einem Traumatherapeuten in Behandlung? Falls ja, sollte er dir helfen können (hoffe ich) - falls du kein Vertrauensverhältnis zu ihm hast, kannst du ihn auch wechseln.

Eine Traumatherapie sollte dir auf jeden Fall so schnell wie möglich von der Krankenkasse genehmigt werden - sicher hast du ja auch die entsprechenden Reha-Berichte, wenn du aus deiner 2. Reha zurück kommst.

Stattdessen und/oder zusätzlich solltest du dich an den "Weißen Ring" wenden. Ich denke, dort wirst du sicher auch Hilfe erfahren:

WEISSER RING e. V.

"Wir helfen Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind. Auch deren Angehörige liegen uns am Herzen. Wir tun dies als gemeinnütziger und einziger bundesweit tätiger Opferhilfeverein mit über 3.000 ehrenamtlichen Helfern in mehr als 400 Außenstellen, dem Opfer-Telefon und der Onlineberatung."

Der Weiße Ring unterstützt dich auch bei Behördenfragen wie z.B. Rente usw.

Ich wünsche dir, dass du bald in allen möglichen Richtungen Hilfe erfahren wirst. Wir werden versuchen, dich so gut zu unterstützen, wie wir können.

Viele Grüße,

Rudinchen
 

Sozpäd

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#10
Danke euch!!

Einen OEG Antrag habe ich bereits gestellt...die verweisen allerdings auf die Zuständigkeit der BG.

Ich hoffe so sehr auf die Ermöglichung eines leidengerechten Arbeitsplatzes.
 

hella

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#11
Hallo!
Ich hab ein paar Tage gebraucht.
Ich versuche es unkompliziert auszudrücken.
1. OEG ist immer nachrangig nach BG, aber nicht uninteressant, da manches besser ist und v.a berufliche Betroffenheit ein wichtiges Thema sein könnte. Da wird dann eine Differenz bezahlt...aber das ist ein weiiiiter Weg. Rechne mit 10 Jahren
2. Deinen Beschreibungen folgend ist das eine deutliche PTBS. Ich habe auch nach Straftat auf der Arbeit laut Gutachten eine MDE von 50. Meine BG erkennt aber nur 20 an. Widerspruch und alles zieht sich.
3. Du wirst viele grundsätzliche Entscheidungen treffen müssen. Auseinandersetzungen mit der BG bei solchen Taten bedeutet, dass das immer und immer wieder aufgewühlt wird und das Gefühl tiefer Hilflosigkeit (wenn es doof läuft auch mit Erniedrigung vergesellschaftet) keinerlei Sicherheit aufkommen lässt. Das Trauma wird jedes Mal übel aktiviert. Das muss man aushalten können. Suche Dir dafür wirklich loyale, starke Hilfe. Wenn Du entscheidest zu kämpfen, dann musst du das einkalkulieren.
4. lies hier alles über Begutachtungen, Auswahl Gutachter, Misstrauen gegenüber BG-Einrichtungen (was nicht heißt, dass die alle schlecht sind, das wäre falsch)
5. Rechtschutzversicherung abschließen
6. Gute Traumatherapie und versuche heraus zu bekommen, ob du dissoziierst. Dann musst du bei der Auswahl der Thetapeuten jemanden suchen, der das überhaupt kann.
7. Du bist noch jung. Das ist vielleicht jetzt eine schwierige Phase. Aber du kannst auch gereift daraus hervor gehen. Das klingt so sch.... , wenn man betroffen ist. Ich weiß. Aber es gibt auch viele Anfänge. Von meinem alten Leben ist nach 4 Jahren nicht viel übrig geblieben. Mit Ausnahme meiner Familie und einer Freundin. Meine Hobbys gehen nicht, viele Freunde weg, mein wirklich geliebter Beruf wird von mir nie mehr ausgeübt werden...Mein Alltag ist ein sehr wackliger Balanceakt geworden. Aber: Ich suche mir Nischen, versuche meinen Rückzug wenigstens zu gestalten und nicht nur zu erdulden. Ich habe andere durch dieses Forum kennen gelernt, die auch mit sich und dem Leben danach kämpfen. Kämpfen, ab und zu fallen und wieder aufstehen, sich auch an Kleinigkeiten freuen. Ich habe im 4. Anlauf eine gute Therapeutin. Und ich habe gelernt, dass ich mich auf meinen Ehemann wirklich verlassen kann. Der hält das mit mir aus.

Viel Kraft und auch Zuversicht.
 

elster999

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#12
Hallo Hella,
Das hast du wunderbar beschrieben! Ich kann dir nur beipflichten. Ein guter Therapeut, starke Hilfe an deiner Seite und viel Geduld und Kraft wirst du brauchen. Dein Leben wird anders weitergehen, diesen Mist wird keiner ausradieren können. Aber du kannst lernen, damit umzugehen, stark genug zu werden, es abzuschließen. Und dann merkst du, dass dein neues Leben so viel anderes zu bieten hat, du andere Dinge als sehr bedeutend und wichtig empfindest. Dein Leben wird nicht grundsätzlich schlechter, aber halt anders.
Auch bei mir ist es 4 Jahre her, ein Unfall zwar, aber ein übler. Und auch ich arbeite immer noch mit meiner Traumatherapeutin, könnte aber meinen Beruf zumindest halbtags wieder aufnehmen. Es war eine schwere lange Zeit, aber jetzt finde ich mein Leben inzwischen wieder super, trotz körperlicher Einschränkungen etc.
Daher wünsche ich dir ganz viel Kraft, und treue Hilfe an deiner Seite.
LG Ellen
 
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