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Informationen zu Unfallfolgen, Verletzungen und Folgekrankheiten finden

Rudinchen

Erfahrenes Mitglied
Registriert seit
6 Dez. 2009
Beiträge
2,136
#1
Hallo,

ich möchte einmal eine kleine Anleitung einstellen, wie man sich über seine Unfallverletzungen informieren kann. Ist leider etwas lang geworden, kann aber hoffentlich für den einen oder anderen ein Einstieg sein, sich gezielt mit seinen Verletzungen auseinander zu setzen und sich Hintergrundwissen anzueignen. Ich hoffe, ich habe es verständlich erklärt. Würde mich freuen, wenn es von eurer Seite noch weitere Anmerkungen geben würde!

Medizinische Literatursuche (Beispiel Schädel-Hirntrauma)

- funktioniert aber auch für alle anderen Schädigungen nach dem ähnlichen Prinzip!

Viele UO/Kranke wissen nicht, wie sie einen Einstieg finden sollen, um Wissen über Ihre Krankheit und/oder Verletzung anzueignen oder sich mit einer evtl. Fehlbehandlung / Fehlbegutachtung auseinander zu setzen.

Ein sehr empfehlenswerter Hinweis ist es, sich zuerst einer Selbshilfegruppe in der Umgebung anzuschließen, da man hier die besten Tipps zu Ärzten und Hilfen in der näheren Umgebung bekommt! Nach dieser Selbshilfegruppe kann man googeln, indem man Selbsthilfegruppe und das Krankheitsbild/Unfallverletzungen und evtl. noch den Ort eingibt.

Oder einen Verein, der sich mit genau diesen Verletzungen auseinandersetzt - einfach danach googeln (s.o.):

verein schädel-hirn-trauma - Google-Suche

Eine einfache Möglichkeit zum Einsteigen ist ein Lexikon – ein medizinisches Nachschlagewerk, der „Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch“, der jedes Jahr neu erscheint, in jeder Stadt- und Unibibliothek vorhanden sein sollte und immer auf dem neuesten Stand der Zeit sein sollte. Hier kann man als erstes nachschlagen, um die wichtigsten Hintergrundinformationen zu erhalten und sich ins Thema einzulesen. Es gibt ihn auch online:

Pschyrembel Online

Außerdem sollte man folgendes wissen: Für Ärzte / Gutachter gibt es Richtlinien, die helfen sollen, alle Krankheiten und Verletzungen einzuteilen und zu klassifizieren.

Zum einen ist es der ICD-10-Code, nach dem Ärzte alle Krankheiten nach einem Buchstaben-Nummernsystem einteilen:

http://www.icd-code.de

Für ein Schädelhirntrauma würde dann – je nach Einteilung – z.B. dieser Code genommen, z.B. S06.70:

S06.70!
Bewusstlosigkeit bei Schädel-Hirn-Trauma: Weniger als 30 Minuten


http://www.icd-code.de/icd/code/S06.7-!.html

Dann müssen Ärzte nicht mehr das ganze Krankheitsbild beschreiben, sondern nur noch eine Nummer nennen. Wenn man also in Arztbriefen in Zukunft irgendwelche Buchstaben-Ziffern-Kombinationen findet, kann man bei Google einfach "ICD 10" und die Buchstaben-Ziffern-Folge eingeben und kann nachlesen, welches Krankheitsbild der Arzt beschrieben hat. Steht ein "g" hinter der Buchstaben-Zahlen-Kombination bedeutet das, die Diagnose ist "gesichert".

Zum anderen gibt es u.a. die AWMF-Leitlinien, die speziell von in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildeten Fachärzten geschrieben wurden und die immer wieder in bestimmten Abständen aktualisiert werden. In ihnen können Ärzte/Gutachter, aber auch Betroffene nachlesen, was für das Krankheitsbild bzw. für die Begutachtung des Krankheitsbildes relevant ist / sein sollte:

http://www.awmf.org/leitlinien/aktuelle-leitlinien.html

Bei Schädel-Hirntrauma gibt es versch. Leitlinien. Man kann sich die passende raussuchen, manchmal ist es aber auch hilfreich, mal die anderen quer zu lesen.

Z.B. Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter:

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/008-001.html

In jeder der Leitlinien ist ein Verfasserstab genannt, an den man sich evtl. wenden kann, um Hilfe/Auskunft zu bekommen. Manchmals sind auch ganze Gesellschaften genannt, die sich mit dem Themenkreis beschäftigen. Man kann aber auch aus diesen Leitlinien zitieren, z.B. als Gegendarstellung zu einem Befundbericht/Gutachten. Außerdem enthalten diese Leitlinien immer Literaturangaben, die auf dem neuesten Stand sein müssten und auf die man sich berufen und beziehen kann!

Nun kommt wahrscheinlich die Frage auf: Wie komme ich an diese Literatur?

Ich nehme mir jetzt einfach einmal einen Zeitschriftenaufsatz aus der AWMF-Leitlinie „Begutachtung nach gedecktem Schädel-Hirn-Trauma“ heraus, und zwar den Aufsatz:

„Foerster K, Widder B (2011): Begutachtung psychischer Unfallfolgen. Nervenarzt 82, 1557-1565“

So umstritten manchmal der Gutachter auch ist, hier sollte er die richtigen Fakten liefern! Seine Fachkollegen lesen schließlich mit!

Viel Literatur findet man natürlich auch über das Internet mit Suchmaschinen wie Google, aber von vielen Fachartikeln, die man findet, gibt es nur eine Kurzfassung in Web, und der Artikel ist nur käuflich zu erwerben, der ebenso wie viele Fachbücher Geld kostet.

s. hier: http://link.springer.com/article/10.1007/s00115-011-3290-y

Deshalb hier eine etwas aufwendigere, dafür aber fundiertere und meist kostenlose Methode:

In Deutschland herrscht der Grundsatz, dass alles Wissen jedem Menschen kostenlos bzw. kostengünstig über die Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden soll. Auch o.g. wissenschaftlicher Aufsatz. D.h., man braucht i.d.R. nur einen Bibliotheksausweis, um an diese Literatur heranzukommen. Oft ist es besser, einen Ausweis einer Unibibliothek zu haben, da es meist um wissenschaftliche Literatur geht. Aber auch in größeren Stadtbibliotheken kann man fündig werden bzw. über Fernleihe die Literatur zugeschickt bekommen (das kostet dann allerdings oft einen Unkostenbeitrag).

Oft handelt es sich um Zeitschriftenbeiträge, wie der oben genannte, die man sich aber auch als PDF von der Auskunft der Bibliothek als E-Mail-Anhang nach Hause schicken lassen kann!

Am besten geht man zu der Bibliothek, von der man einen Ausweis beantragen möchte und bittet bei dieser Gelegenheit einen Mitarbeiter um eine Einführung, wie man Literatur sucht und findet und lässt sich von ihm zeigen, wie es geht. Der Mitarbeiter kann auch erklären, wie die Fernleihe funktioniert, damit man benötigte Literatur aus anderen Bibliotheken bekommt. Man kann den Mitarbeiter darum bitten, bei der Suche zu helfen.

Oder man versucht alles selbst zu finden, z. B. über den Katalog der nächstgelegenen Unibibliothek, z.B.:

http://www.ulb.hhu.de/zg-ulb/ulb-aktuell/homepage-meldungen/neuer-katalog.html

Dort ist in der Regel auch beschrieben, wie die Suche funktioniert! Aber nicht jede Bibliothek hat jede Zeitschrift bzw. jedes Buch vorrätig, einiges muss auch per Fernleihe besorgt werden bzw. einen Zeitschriftenartikel kann man evtl. dann auch als PDF von einer anderen Unibibliothek beziehen, wenn diese so nett ist, ihn als PDF zu verschicken!

Was auch noch wichtig ist zu wissen: In jeder Unibibliothek gibt es in der Regel für jeden Fachbereich einen Mitarbeiter, der das Fachgebiet auch studiert hat und zusätzlich eine Bibliotheksausbildung gemacht hat, einen sog. Fachreferenten.

Das heißt, in diesem Fall einen Mediziner, der auch Bibliothekar ist! Falls man schwierigere medizinische Recherchen machen möchte, sollte man mit diesem telefonisch einen Termin vereinbaren, um sich mit ihm in der Bibliothek zu treffen. Dann kann dieserbei einer speziellen Suchanfrage weiterhelfen und sich dafür auch genug Zeit einplanen.

Für Düsseldorf wäre das z.B. die Fachbibliothek Medizin, an die man sich wenden kann:

https://www.ulb.hhu.de/ueberblick-gewinnen/verbund-und-fachbibliotheken/medizin.html

Nach dem gleichen Prinzip funktionieren aber auch die ganzen anderen Unibibliotheken in Deutschland.

Fast jede Unibibliothek hat einen OPAC (das ist der Katalog, über den man die Literatursuche an der betr. Bibliothek machen kann). Man findet den OPAC, indem man den Namen der „Unibibliothek“ + „Ort“ + „OPAC“ bei Google eingibt, alternativ dazu einfach „Unibibliothek“ + „Ort“ + „Katalog“

Außerdem gibt es noch etliche Datenbanken, in denen man nach Literatur zu medizinischen Themen suchen kann, z.B.:

www.livivo.de

www.pubmed.de

http://www.medisuch.de/

www.medivista.de

Hier einmal die Sucherergebnisse zu „Schädel-Hirn-Trauma“ via livivo:

https://www.livivo.de/app/search/search

Anschließend kann man verschiedene Auswahlkriterien nutzen, um die Suche einzuschränken bzw. best. Quellen auszusuchen.

Die Zentralbibliothek für Medizin ist in Köln – auch über diesen Katalog kann man nach medizinischen Themen suchen. Der Katalog ist inzwischen in der Datenbank von livivo aufgegangen.

Natürlich ist es hilfreich, sich auf jeder Webseite erst einmal die Anleitungen zur Suche durchzulesen – umso gezielter kann man suchen.

Viele Bibliotheken stellen Artikel/Bücher z.T. auch online zur Verfügung, sodass man sie downloaden kann.

Noch komfortabler kann es funktionieren, wenn man einen Bibliotheksausweis hat und sich für die Onleihe angemeldet hat. Auf diese Weise kann man Bücher, Zeitschriften usw. kostenlos online über „seine“ Bibliothek downloaden – falls das Gesuchte vorhanden ist:

http://www.onleihe.net

Ich hoffe, diese Anleitungen haben ein wenig geholfen, dass ihr bei der Literatursuche gezielter vorgehen könnt!

Viele Grüße

Rudinchen
 

Meli

Erfahrenes Mitglied
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#2
Fantastisch, Rudinchen, du hast dir so viel Mühe gemacht und es so gut erklärt! Ich wünschte, ich hätte all dies schon am Anfang meines Verfahrens gewusst, mittlerweile weiß ich es, weil es notwendig war, das zu lernen. Danke!
 

Hefti

Mitglied
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#3
Vielen Dank für die Mühe einen solchen Leitfaden zu erstellen.
Echt super, Respekt!

Gruß Hefti
 

Rudinchen

Erfahrenes Mitglied
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2,136
#4
Hallo,

Ich habe das Mal festgehalten, weil ich wünschte, ich hätte es auch am Anfang gewusst! Das hätte mir sehr geholfen!

Aber ich glaube, damals hätte ich es noch gar nicht gelesen, weil ich dachte, mein Anwalt würde das alles für mich machen...

Jetzt weiß ich es besser - das ist NICHT Anwaltswissen, sondern man muss das alles selbst beisteuern - und hat Glück, wenn man einen Anwalt hat, der das auch mit einbezieht und berücksichtigt!

Viele Grüße

Rudinchen
 

HWS-Schaden

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#5
Hallo zusammen und

vielen, vielen Dank, @Rudinchen für die Mühe und sorgfältige Arbeit. Wie Meli finde auch ich, dass du die Zugänge sehr gut erklärt hast.

Hier wird deutlich - anders als im Thread "Schadensermittlungbüro" -, wie sehr wir auch auf medizinische Fachkenntnisse angewiesen sind. Nicht nur das: Wir sind auch angewiesen auf Mediziner, die diese Kenntnisse haben und das medizinische Fachwissen anwenden, auf Mediziner, die sich an Richtlinien und Leitlinien etc. pp. halten.

Meine Erfahrung ist, dass Richtlinien und Leitlinien nicht eingehalten wurden und (besonders) im Zusammenhang mit dem Arbeitsunfall (Dienstunfall) vor allem weg-geschaut wurde. Dass dies vorsätzlich geschah, kann ich natürlich nicht nachweisen. Dass Richtlinien und Leitlinien nicht eingehalten und Diagnostik "verschleppt" bzw. verweigert wurde, kann ich belegen.

Berichte und Diagnostik der medizinischen Erstversorgung und Erstbehandler spielen im weiteren Verlauf versicherungsrechtlich sehr oft eine entscheidende Rolle.

LG
 
Zuletzt bearbeitet:

Rudinchen

Erfahrenes Mitglied
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#6
Hallo HWS-Schaden,

Da gebe ich dir ganz Recht. Aber nur, wenn man weiß, welche Untersuchungen gemacht werden sollten, kann man aktiv eingreifen und so einen Einfluss darauf nehmen, dass diese evtl. doch noch durchgeführt werden.

Darum ist es ja so wichtig, diese Zusammenhänge so früh wie möglich zu kennen. Oft kann es der Verunfallte selbst gar nicht leisten, weil er verletzt ist und es ihm schlecht geht. Dann müssen Freunde und Verwandte sich einen Überblick verschaffen. Und das ist bei allem Kummer und aller Sorge oft nicht leistbar, oder leider erst viel später. Und dann ist viel kostbare Zeit vergangen.

Es geht dabei ja nicht nur um Versicherungsleistungen, sondern in erster Linie um die Gesundheit. Mangelnde Behandlung und Diagnostik bzw. falsche Diagnosen führen ja leider oft zu bleibenden oder schlimmeren gesundheitlichen Schäden. Und wenn dann das UO einfach nicht gesund wird, bekommt es den Stempel 'psychische Fehlverarbeitung' und schon passt alles wieder... (Zumindest für die Ärzte - für das UO wird es dann meistens noch schlimmer, weil es sich nun auch noch unverstanden fühlt!)

Ich möchte hiermit auf keinen Fall die Leistungen schmälern, die viele Ärzte bringen, um UO zu helfen oder auch die Leistungen der Psychotherapeuten!

Aber es muss einfach sauber diagnostiziert werden, und das ist leider nicht immer der Fall.

Ich hoffe einfach, dass dieser Überblick einigen vielleicht helfen wird, dich schneller zu informieren.

Viele Grüße

Rudinchen
 

Rekobär

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#7
Hier wird deutlich - anders als im Thread "Schadensermittlungbüro" -, wie sehr wir auch auf medizinische Fachkenntnisse angewiesen sind. Nicht nur das: Wir sind auch angewiesen auf Mediziner, die diese Kenntnisse haben und das medizinische Fachwissen anwenden, auf Mediziner, die sich an Richtlinien und Leitlinien etc. pp. halten.
Hallo HWS-Schaden,

ich hatte @Rudinchen ja gebeten einen gesonderten Tread dazu zu eröffnen und diesen mit dem anderen zu verlinken, damit mein Tread übersichtlich bleibt, andererseits aber die wesentlichen Informationen zur Verfügung stehen.

Herzliche Grüße vom RekoBär :)
 

Joker

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#8
Hallo Rudinchen,

vielen Dank für diese wichtige und informative Zusammenstellung. Ich gehe davon aus, dass es vielen Geschädigten hilft durch den ersten Dschungel zu finden. Das Thema werde ich daraufhin im Unterforum oben anpinnen.

Gruß
Joker
 

ptpspmb

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#9
Hallo Rudinchen,

auch von mir ein herzliches "Dankeschön" für deine Mühe!
 

BgmSon

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Münsterland
#10
Hallo Rudinchen,

da hast du wirklich eine super geniale Arbeit niedergeschrieben. Es hilft ganz ganz viel beider Suche im WWW

Vielen lieben Dank.

Gruß

BGMSON
 

nightwalker

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Jenseits von Eden
#12
Hallo Rudinchen,

lieben Dank für diese Aufbereitung.

Für viele Einsteiger in die Materie ist das sehr wichtig,
aber wenn man auch schon länger dabei ist, lernt man nie aus.

Gruß
nightwalker
 
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