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Vollständige Version anzeigen : Infos zu Implantatallergien/ Metallallergien


Santafee
17.12.2009, 17:35
Hier möchte ich mal einiges Wichtige zu Allergien rund um Prothesen und eingebrachte Metalle (Osteosynthesen) zusammentragen:

Metallionen können sich an körpereigene Proteine und Zellen binden und so zu einer immunologischen Sensibilisierung führen.
Daraufhin kann es zu lokalen, aber auch systemischen (den ganzen Körper betreffenden) oder kombinierten Reaktionen kommen.

Diese Form wird nicht durch IgE-Antikörper (sog. Typ I, auch Soforttyp oder anaphylaktischer Typ genannt) vermittelt sondern durch T-Lymphozyten initiert.
Es musste also schon früher ein Kontakt zu dem Metall bestanden haben und die Lymphozyten sensibilisiert haben, denn erst beim wiederholten Kontakt wird die Allergie ausgelöst...

Am bekanntesten ist die Kontaktdermatitis/Kontaktallergie mit lokaler Rötung und Ekzem bei Ohrringen, Jeansknöpfen im Fall einer Nickelallergie.

Typ-IV-Reaktionen auf Titan, Cadmium, Gold, Palladium, Blei oder Quecksilber äußern sich jedoch seltener als lokale Reaktionen. Es können systemische Symptome auftreten, wie z.B.:

Kopfschmerzen, Neuralgien, Muskelschmerzen, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Missempfindungen, Müdigkeit, Symptome wie bei "grippalem Infekt" und Autoimmunphänomene.

Metallsensibilisierungen werden sogar als Auslöser von
Multipler Sklerose, CFS (chronic fatigue syndrome), Fibromyalgie, MCS (multiple chemical sensitivity) und Autismus diskutiert.

Ein eindeutiger positiver Epicutantest beweist das Vorliegen einer Sensibilisierung! Ein negativer Test schließt sie jedoch nicht aus.

Mit einem LTT-Test (Lymphozyten-Transformationstest)lässt sich eine systemische Metallallergie laut einiger Autoren diagnostizieren. Außerdem ist er nicht sensibilisierend (wie ein Epikutantest), da nur das Blut untersucht wird.

Einige Labore bieten diesen Test an, wobei meine Recherchen ergeben haben, dass die Kosten wohl nur im begründeten Fall über die GKV übernommen werden, ansonsten werden sie auch als IGEL-Leistung angeboten (ca. 200-300€).

Um diesen Komplikationen vorzubeugen, gilt es, sich v.a. vor einer TEP- OP ausreichend zu informieren und aufgeklärt in das Arztgespräch zu gehen.
Hier einige Verhaltensregeln:

1. Den Operateur auf evtl. Allergien hinweisen und ggf. einen Epikutantest auf die Standartreihe und Implantatreihe mit Knochenzementkomponenten durchführen lassen (dass dieser manchmal abgelehnt wird, da er eine Allergie erst favorisieren könne, kann ich nicht teilen, da wir alle doch bestimmt schon mit Nickel oder Kobalt und anderen Metallen in Verbindung gekommen sind; ansonsten LTT-Test)

2. Sollten sich Allergien auf zu verwendente Metalle bestätigen, dann vom Arzt/Operateur Alternativen aufzeigen lassen! Sollte der Arzt/Operateur weiterhin an einer nichtverträglichen TEP festhalten, dann ggf. auf eine Klinik umschwenken, die alternative Prothesenmaterialien verwenden. Dies gilt insbesondere für Pat. mit durchgemachten Gelenkinfekt, da bei einer Allergie ein erhöhtes Infektrisiko, mit Aufbrechen der Infektion, besteht!

3. Auf jeden Fall muss bei einer Allergie über die Risiken aufgeklärt werden und man sollte sich vom Operateur bestätigen lassen, um welches Implantatmaterial es sich handelt. Es gibt Fälle, bei denen angebliche Titan-TEPs eingesetzt wurden, die dann keine waren... Außerdem müssen alle Allergien dokumentiert werden!

4. Mit dem richtigen Material, einem erfahrenen, verantwortungsvollen Operateur und dem optimalen Behandlungsumfeld sollte einer erfolgreichen OP, mit maximaler Haltbarkeit der Prothese, nichts im Wege stehen! Viel Glück!

Sollten sich nun nach einer TEP-OP Verdachtsmomente erhärten, dass eine Prothesenallergie vorliegen könnte, gibt es ebenfalls Verhaltensregeln, welche auch von den führenden Autoren (z.B. P. Thomas, München) empfohlen werden:

1. Klinischen Befund vom Chirurgen/Orthopäden erheben lassen! Dabei sollte unbedingt auch an einen "Low-grade-inekt" gedacht werden ( Röntgen, Entzündungswerte im Blutbild, mikrobiologische Untersuchung vom Punktat, evtl. Szintigraphie) Ausschluss anderer Ursachen für die Problematik. Histologische Untersuchung des protheseumgebenden Gewebes auf allergische Reaktionen.

2. Allergologische Untersuchung in einer überdisziplinär arbeitenden Hautklinik (z.B. Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-UNI, München). Neben Epikutantest auf das Implantatmaterial (Standard-, Metallreihe und Knochenzemente) empfehlen verschiedene Autoren auch eine IgE-Diagnostik sowie Leukozytentransformationstest als wichtige Ergänzung. Die Wertigkeit eines Lymphozytentransformationstest (LTT) ist umstritten (heute noch umstritten?). Die Ergebnisse bitte mit der im Prothesen-Pass angegebenen Prothese und dessen Material vergleichen!

3. Bei Bestätigung einer Metallatallergie und Ausschluss anderer Ursachen für die Probleme, sollte das weitere Vorgehen m.M. mit Bedacht ausgewählt werden. Bei sehr großem krankheitswert und Lockerung der TEP ist sicher eine Wechsel-OP auf verträgliches Material nötig. In leichteren Fällen sollte zwischen Risiken, die eine Wechsel-OP mit sich bringt und den Folgen der Allergie (evtl. Knochenabbau ect.) abgewogen werden. Hier sollten aber regelmäßige Kontrolluntersuchung stattfinden, um den Knochenabbau zu kontrollieren und dann rechtzeitig die Wechsel-OP durchzuführen.
Die Frage ist auch, welche weiteren Schäden mit dem Verbleib eines Allergens im Körper auftreten können. Schließlich schreiben nicht nur Umweltmediziner Allergenen erheblichen krankheitswert, ja sogar Toxität und krebserzeugende Wirkung, zu. (laut UNI-Essen) Da es dazu leider noch keine hinreichenden Studien gibt, muss hier jeder für sich selbstverantwortlich handeln/entscheiden!
Anzumerken sei auch, dass jedes Material Risiken mit sich bringt und es keine absoluten biokompatiblen Materialien gibt!

Checkliste zur OP-Vorbereitung für Allergiker:

1. rechtzeitig vor dem geplanten Eingriff eine Epikutantestung in einer Hautklinik auf die "Standardreihe", "Implantatreihe" und Knochenzement durchführen lassen
2. den Operateur/ Arzt über die Allergien informieren
3. genau nachfragen, welche TEP / welches Material eingesetzt werden soll (Name und Firma aufschreiben lassen) und über das Internet recherchieren
4. bei Unklarheiten den Operateur nochmals befragen und ggf. die Klinik wechseln (die Kliniken sind häufig an bestimmte Herstellerfirmen gebunden und nicht alle liefern "Allergie-TEPs", so dass man sich besser im Vorfeld an eine Klinik wendet, die auch Allergieversionen anbietet)
5. beim OP-Gespräch und in den Formalitäten stets nochmals auf Allergien hinweisen und notieren (es geht auch um die Naht, die dann nicht geklammert werden sollte)

Es wird derzeit bei bekannter Metallallergie die Verwendung von Titanlegierungen empfohlen.
Bei einer geplanten Hüftendoprothesenoperation sollte auf eine Keramik-PE-Paarung gewählt werden oder in der Knieendoprothetik so genannte Alternativmaterialien (Titan, Oxinium).
Wenn man bei der gewohnten CoCr-PE Paarung bleibt, muss in einem gut dokumentierten Aufklärungsgespräch von dem Patienten die Zustimmung erlangt werden.

Welche Möglichkeiten gibt es nun?

Herkömmliche Prothesen können speziell beschichtet werden. Meist kommt hierfür eine spezielle Titanlegierung in betracht. Wobei die Tibiakomponente oftmals sowieso mit einer Titan-Aluminium-Vanadium Legierung versehen ist (enthält ca. 0,1% Nickel).
Von größerer Bedeutung ist also die Femurkomponente: Sie muss als kooperierende Komponente außenseitig hart genug, mit so wenig wie möglich Abrieb, jedoch knochenseitig anpassungsfähig (an die Veränderungen des Knochenauf- und abbaus) und doch stabil sein!

Spezielle Möglichkeiten im Allergiefall sind z.B.:

AlphaCoat-Titan-Keramik Legierung (AMC MKII Allergikerversion von Alphanorm, CorinGroup Plochingen),

Titan-Nitrit Leg.(LCS-Knie von DePuy) oder

AluminiumOxid-Keramik Leg.(Fa. Waldemar). Wobei gerade beim Letzteren die Bruchtendenz sehr hoch ist, da das Material spröde ist!

OXINIUM (Oxidized Zirkonium bzw. Zirkonium-Niob-Legierung) Mit diesem Material konnte der Spagat zwischen Härte, Abriebfestigkeit und Gleiteigenschaften von Keramik und der Bruchfestigkeit und Elastizität von Metall hergestellt werden. Der Nickelgehalt liegt hier bei 0,0035% und ist damit fast nicht nachweisbar. Implantate aus diesem Werkstoff sind hochglänzend schwarz. (Bsp. Genesis II OXINIUM, Profix OXINIUM, Journey Kniesystem von Smith & Nephew). Langzeitstudien zur Haltbarkeit oder Verträglichkeit fehlen aber noch.

„Keramische Kniekomponenten“ aus BIOLOX delta Diese sind aber noch in der Erprobung, da sie erst seit 2005 in wenigen Kliniken in Dtl. angeboten werden (z.B. UNI Rostock). Ein Einsatz ist hier vor allem vom Kniezustand abhängig.

pswolf
18.12.2009, 10:21
Hallo @,

hier noch ein paar Möglichkeiten um einen Allergiefall vorzubeugen:

1. O.M.T. GmbH medical:

Scorpio Knie mit vollständig stabilisierter Femur Komponente
CoCr, Titan-Niob - Keramik beschichtet

2. Howmedica OSTEONICS:

HOWMEDICA -Total Knee System mit Fluted Stem Extender Titanium and UHMWPE

3. O.M.T. GmbH medical, Seelandstr. 7, 23569 Lübeck:

Total Knie mit vollständig Stabilisierter Tibiaschale, montierter CoCr - Rundkopfschraube mit Gewinde
Nur verwenden mit Scorpio - Tibia - Gleitflächeneinsatz(verschiedene Größen), Vitallium, Titan-Niob - Keramikbeschichtet

Diese Komponenten wurden mir implantiert. Habe seit der OP keine Allergischen Reaktionen mehr auf Metall gehabt.

Gruß pswolf

Santafee
18.12.2009, 17:43
Hallo PSWolf,

wie meinst Du das: "Habe seit der OP keine allergischen Reaktionen auf Metall gehabt" :confused: Meinst Du am Knie oder allgemein hattest Du keine allergischen Reaktionen mehr? Wie sahen diese Reaktionen aus?

In Deinem Fall ist die TEP und die Schrauben ja mit einem Überzug versehen (Titan-Niob-Keramik)...

Eine Allergie macht sich auch mit Entzündungen im Gelenk bemerkbar, dies kann Arthrofibrose begünstigen (die Du ja auch hast) und sogar die Keimbesiedelung:eek:.

VG Santafee

Jette72
04.01.2010, 10:03
Es gibt sie also doch, die Allergie auf Metallimplantate!
Mir wurde gesagt, gibts nicht, am Metall kanns nicht liegen :mad:
Ich hab noch keine Prothese, die wurde mir allerdings in Aussicht gestellt.
Im Mai 09 habe ich meinen Tibiakopf mit 19 Schrauben, 3 Platten und diversen Kirschner-Drähten stabilisiert bekommen.
Zunächst hatte ich keine Reaktionen. Irgendwann in der Reha bekam ich dann Hautprobleme, eine Art Ekzem. Dachte erst, es läge am chlorierten Wasser, hatte ja jeden Tag Therapie und dann noch diese DonJoy-Schiene drauf...:confused:
Als ich das Hautproblem beim Doc ansprach, bekam ich zur Antwort: Das ist antiallergischer V?-Stahl, das kann gar nicht sein.
Nun versuche ich seit Monaten diese Sache mit diversen Cremes und Lotions in den Griff zu bekommen...so wirklich Wirkung zeigt keines dieser Mittel. Das Metall soll erst im Herbst diesen Jahres raus.

Über einen Bluttest ist diese Reaktion also nachweisbar?
Wenn das Knie dann TEP-reif ist, würde ich das schon gern geregelt wissen.

Ich werde mir einen Termin beim Allergologen holen! Kann mir da ein niedergelassener Arzt weiterhelfen oder sollte ich doch lieber in eine der großen Uni-Kliniken gehen?

Danke und viele Grüße
Jette

Santafee
04.01.2010, 10:20
Hallo Jette,

Du solltest damit lieber in eine größere (UNI-) Klinik gehen! Die kleineren Praxen können meist nicht auf alles Testen und überweisen (wenn sie vernünftig sind) sowieso in eine UNI-Klinik (Hautklinik). Wenn Du in Bayern wohnst, könntest du Dich auch bei Prof. Dr. Thomas, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, LM-UNI München vorstellen. Er befasst sich mit Implantatallergien, wozu ja letztendlich auch Osteosynthesen gehören.

Dir würde ich raten, herauszufinden, was genau Du für Materialien drin hast: Implantatstahl hat auch Nickel + Kobalt (Achtung Kreuzreaktion!) und chrom... Du kannst da praktisch gegen alles allergisch sein. Ein Epikutantest und/oder LTT müsste aufschluss bringen! Übrigens kann eine Allergie auch Infektionen begünstigen... also schnell handeln!

VG Santafee

Jette72
04.01.2010, 13:10
Eieiei, da denkt man an nichts Schlechtes....
Eine Nickelallergie hab ich, das weiß ich.
Ich bin am 18. beim Gutachter in der Uniklinik Dresden, dort wurde ich auch operiert. Da werde ich gleich versuchen, an die Hautklinik überwiesen zu werden.
Ganz lieben Dank!

Viele Grüße
Jette

Santafee
04.01.2010, 14:58
...bitte, bitte und gerngeschehen:)

VG Santafee

Santafee
08.02.2010, 15:11
Hallo,

unter Buchempfehlungen habe ich das o.g. Buch ja schon mal vorgestellt... Nun möchte ich Euch hier weitere Erkenntnisse zu Prothesenallergien aus diesem "Leitfaden für Praktiker" mitteilen:

Es gibt verschiedene Gleitpaarungen bei Prothesen. Z.B. Keramik/Keramik oder Metall/Metall bei Hüften oder Metall/Polyethylen(UHMWPE) bei Knie-TEPs. Nun ist das Abriebvolumen bei verschiedenen Materialkombinationen unterschiedlich und schwankt zwischen
0,04mm Abriebvolumen/Jahr bei einer Keramik/Keramik Gleitpaarung und
55,71mm Abriebvolumen/Jahr bei einer Metall/PE Paarung!

Zitat aus dem Fachbuch:

"Ein weiteres Problem stellt in zunehmendem Maße die Allergie dar, insbesondere die Nickelallergie,..., auf die selbstverständlich Rücksicht genommen werden muss. Sie steht im Vordergrund, gefolgt von allergischen Reaktionen auf Knochenzementbestandteile und seltene Legierungsbestandteile."

Ausweg: Titanprothesen, wobei diese den Beanspruchungen oft nicht genügen, da der Werkstoff zu weich ist. Dadurch kann es ggf. zu Abblatzungen an der Grenzschicht kommen! Das Anwachsverhalten des Knochen an Titanoberflächen wird hingegen als stabiler angesehen.

Polyethylen altert nach etwa 15-20 Jahren, die Verschleißpartikel führt zu Osteolysen (Knochenauflösung), Granulome (knötchenförmige Geweberaktion aus Entzündungszellen auf allergisch-infektiöse oder chron. entzündliche Prozesse) ect. Auch unter "Partikelkrankheit" bekannt.

Metall/Metall Paarungen bei Hüften haben den höchsten Einlaufverschleiß in den ersten 1-2 Jahren. Hier kann es sogar zu hohen Cr- und Co-Serumspiegeln kommen. Sogar von einem Fall einer Cobaltvergiftung ist im Internet zu lesen.

Neue Materialien, wie Zirkonium oder Mischkeramiken, stehen erst am Anfang der Entwicklung... es wird dabei mit Brüchen gerechnet.

Als Haupt-Ursachen der Reduktion der Prothesenstandzeiten wird die Partikelkrankheit (=aseptische Lockerung), die Infektion und Arthrofibrose genannt.

VG Santafee

Santafee
08.02.2010, 15:31
...

Hypersensitivitätsreaktionen wurden bereits seit den 1960er Jahren erwähnt!

Selbst Titan-Allergien werden inzwischen beschrieben, wobei diese auch schwerer zu diagnostizieren sind!

Siehe auch hier:
http://schattenblick.org/infopool/medizin/fakten/mz2th068.html

Allergien gegen Keramik oder Polyetylen wurden noch nicht beschrieben.

VG Santafee

Santafee
03.09.2010, 14:00
...

mal wieder was Neues zu Titan-Unverträglichkeiten...

http://www.welt.de/die-welt/wissen/article8328686/Gefaehrliche-Titan-Implantate.html

Leider weiß ich auch nicht, wo man diese beschriebenen Unverträglichkeiten testen lassen kann. Über die Haut ist wohl schwierig und ein LTT-Test auch noch nicht beweiswürdig.
Zu den hier beschriebenen Laborverfahren kann ich leider noch nichts weiter sagen - hab leider noch nichts in Erfahrung bringen können... bleibe da aber dran;)

VG Santafee